Tee & Kuchen

Kapitel 3 - Teil 1

„Glo-o-o-o-o-o-O o-o-o-o-o-O  o-o-o-o-o-O  o-o-o-o-o-O o-o-o-o-o-O  ri-a Ho-san-na in ex-cel-sis!“


Ein kleines Zeichen unseres Chorleiters und der letzte Ton wird sauber beendet. 

Uff. Geschafft. Erstmal durchatmen. Und den verschwitzten Pulli vom Rücken lösen. Dieses Stück ist anstrengend. Zwar muss ich nur bis zum f ’’ hoch – für einen Sopran keine Hürde – aber knapp sechs Takte Glorias ohne zu atmen gehen dann doch ein bisschen an die Substanz. Vor allem, wenn man seit fast einer Stunde nichts anderes singt. 

Während ich versuche, meine Bauch- und Beinmuskeln etwas zu lockern, soweit das in den leicht beengten Verhältnissen hier möglich ist, fische ich in der Hosentasche nach meinem Handy. 

Ob er wohl gut hergefunden hat?

Möglichst unauffällig, um mir keinen Ärger einzuhandeln, auch wenn die Probe jetzt eigentlich zu Ende ist, deaktiviere ich die Tastensperre und werfe einen prüfenden Blick auf das Display. Mahnend leuchtet mir ein roter Pfeil entgegen. Mist!

Plötzlich sind alle himmlischen Glocken und singenden Engel völlig egal und Panik steigt in mir auf. Ein verpasster Anruf. Oh, bitte nicht! Bitte sag mir jetzt nicht, dass Du es nicht geschafft hast. Dass Du es nicht gefunden hast und jetzt mit Wut im Bauch wieder auf dem Heimweg bist. Oder dass Du irgendwo mit einer Panne am Straßenrand in der Kälte stehst. Bitte, bitte nicht!

Verstohlen und in Windeseile tippe ich: „mom, gleich Ende“ und bete, dass alles in Ordnung ist. Noch nie habe ich das Ende einer Probe derartig herbeigesehnt. Normalerweise bin ich so in die Arbeit vertieft, dass ich gar nicht auf die Idee komme, auf die Uhr zu schauen. 

Aber hier und heute ist nicht „normalerweise“. Ich sitze oder stehe nicht wie sonst mit zwanzig Mann im Nebenraum einer Kirche, sondern befinde mich gemeinsam mit hundert anderen Menschen in einem Konzertsaal. Dieses vorweihnachtliche Chorprojekt vereint eine Zenturie von Männlein und Weiblein zwischen 14 und 74 Jahren unter einem Dach – völlig unabhängig von gesangstechnischen Vorkenntnissen. Dank der umsichtigen Planung unseres Chorleiters Patrick, die strategisch platzierte Inseln von jeweils zwei bis drei erfahrenen Chorsängern inmitten von weniger sicheren oder völlig unerfahrenen Sangesfreudigen beinhaltet, finde ich mich umgeben von den unterschiedlichsten Fremden. Neben mir die älteste Teilnehmerin in der Gruppe. Sehr nett, eine fitte und richtig liebe Omi. Leider mit strengem Mundgeruch, der besonders gut zur Geltung kommt, wenn sie sich vertrauensvoll zu mir lehnt und flüsternd eine Frage an mich richtet. Auf der anderen Seite eine Frau meines Alters, die bereits einige Chorerfahrung hat und sehr gut singt, dafür aber die Nase derartig weit oben trägt, dass es reinregnet. Hinter mir zwei Tenöre wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, die mir direkt in die Ohren singen und die zu ignorieren in den kommenden Wochen meine ganz persönliche Herausforderung sein wird, und vor mir zwei nach billigem Parfum stinkende Wechseljahr-Zicken, denen die Schminke aus dem Gesicht zu bröckeln droht, wenn sie den Mund beim Singen versehentlich so weit öffnen würden, wie sie es theoretisch sollten.

Heute ist die zweite von sieben geplanten Proben, an die sich zwei Konzerte anschließen werden. Ich hadere mit meiner Entscheidung an diesem Projekt teil zu nehmen, aber Aufgeben kommt nicht in Frage. Auch wenn die Stücke erstmal nicht so ganz mein Fall sind und mir die Masse der Leute unangenehm ist. Kneifen steht nicht zur Debatte. Dafür singe ich zu gern – vor allem klassische Weihnachtslieder – und dafür ist die Arbeit mit Patrick viel zu schön.

Ein paar Jahre und ein bisschen Lebenserfahrung mehr - und der Kerl könnte einen verdammt guten Dom abgeben. Selbstbewusst, willensstark, intelligent, einigermaßen gutaussehend, von Natur aus dominant, eine verheißungsvolle Stimme und grundsätzlich einfühlsam. Er kann hart sein und unerbittlich durchgreifen, genauso wie er seine sanfte Seite zeigen kann. Aber momentan ist er noch zu jung. Noch zu ichbezogen, in seinem Handeln manchmal sehr unreif. Was ihm fehlt ist die Art von Erfahrung, von Rückschlag, die einen fürs Leben lernen lässt.


Meine Gedanken wandern wieder zu dem Mann, der all das schon hat und ist. Zu Johannes. 

Und damit zu der zweiten Sache, die heute anders ist als sonst. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich nach der Chorprobe noch gemütlich einen Plausch mit meinen Mitsängern halte und dann nach Hause zu meinem Mann, der mir seit mehr als zehn Jahren vertraut ist, fahre – oder ob vor der Tür ein anderer wunderbarer Mann auf mich wartet. 

Mein Herr.

Unwillkürlich schlägt mein Magen Purzelbäume und zwischen meinen Beinen beginnt es zu kribbeln...


Plötzlich raschelt die Omi neben mir mit ihrem Notenheft. Shit! Ich habe geträumt und dabei nicht mitbekommen, was jetzt angesagt ist. Ein kurzer Blick auf die Überschrift der nun aufgeschlagenen Seite schafft Klarheit. Offensichtlich hat Patrick sich entschlossen ein wenig zu überziehen und den Abend pädagogisch sinnvoller Weise mit dem leichten Stück zu beenden, das fast jeder kennt und mehr oder weniger vom Blatt gesungen werden kann. Ein entspannendes Erfolgserlebnis zum Abschluss, das einen die Schinderei der letzten Stunde vergessen lässt. Grrrrrrr! Warum muss er ausgerechnet heute derartig vorbildlich sein? Johannes steht – hoffentlich – vor dem Haus und wartet auf mich! Ich will hier raus!!! Aber das kann ich jetzt nicht bringen. Ich müsste mich durch die ganze enge Stuhlreihe quetschen und über ein Dutzend Taschen steigen, während mich alle anderen mit Blicken erdolchen würden. Also finde ich mich ungeduldig zappelnd damit ab, noch ein paar Minuten ausharren zu müssen. 


Mit dem Ende des Liedes erfolgt der allgemeine Aufbruch. So schnell es irgendwie geht winde ich mich zwischen den Stühlen hindurch zur Garderobe, schnappe mir meine Jacke und die Reisetasche und stürme, ohne ein Wort des Abschieds an irgendjemanden, aus dem Saal, die Treppen hinunter und hinaus auf die Straße. Alles was ich in diesem Moment will, ist in seinen Armen zu liegen, den ihm eigenen Duft aus einem ganz dezenten Hauch von „fuel for life“, einem langen Bürotag und Kaffee in mich aufzunehmen und meinen Frieden in seiner Ausstrahlung von Ruhe und Sicherheit zu finden.


Aber keine Menschenseele ist zu sehen. Nur die vielen geparkten Autos der Sänger. Selbst wenn ich bei der Dunkelheit die einzelnen Modelle unterscheiden könnte würde mir das nichts bringen, weil ich nicht weiß, mit welchem der Fahrzeuge aus dem car-sharing-pool er heute gekommen ist. In der feuchten Kälte der Novembernacht stehe ich allein auf der Straße, blicke suchend um mich und versuche mit aller Macht, die aufkommende Enttäuschung nieder zu kämpfen. Nein! Ich werde jetzt nicht heulen! Nein, nein, nein! Abgelehnt!

Ich greife nach meinem Handy und habe den Daumen schon auf der Kurzwahltaste als einige Meter entfernt eine der Autotüren aufgeht. Wahrscheinlich habe ich das dämlichste Lächeln aller Zeiten im Gesicht, als ich ihn erkenne und eine Welle der Erleichterung und Freude mich überflutet. 


Doch als ich endlich vor ihm stehe, ist da trotz aller Anziehungskraft wieder diese Distanz, die ich nicht einordnen kann. Wohl dosierter Abstand? Verlegenheit? Oder einfach nur seine autoritäre Ausstrahlung? Keine Ahnung. Die Umarmung, nach der ich mich so sehr gesehnt hatte, bekomme ich nicht.

Gentlemenlike nimmt er mir die Tasche ab und lädt sie in den Kofferraum, während ich Jacke und Schal auf der Rückbank verstaue, um mich dann bequem auf den vorgewärmten Beifahrersitz zu kuscheln. Ob ihm wohl klar ist, dass es in meinem Fall keineswegs normal ist, einigermaßen entspannt im Auto zu sitzen, wenn es nicht der Platz hinter dem Lenkrad ist?

Die ganze Fahrt über liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Nervosität? Verlegenheit? Unsicherheit vielleicht sogar auf beiden Seiten? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Wenn er doch nur etwas sagen würde. Keinen belanglosen Smalltalk, sondern das, was ihn beschäftigt. 

Was würde ich darum geben zu wissen, was in seinem Kopf und in seinem Herzen vorgeht! Schwer vorzustellen, dass er sich gerade tatsächlich nur aufs Autofahren konzentriert. Mag ja sein, dass Männer nicht so multitaskingfähig sind wie Frauen, aber zu fahren und gleichzeitig etwas zu denken ist ihnen schon zuzutrauen. Dazu kommt, dass dieses spezielle Exemplar der Gattung „homo sapiens sapiens“ hier neben mir die Bezeichnung „besonders weiser, kluger Mensch“ auf jeden Fall verdient.

Vielleicht sollte man meiner Person das zweite „sapiens“ absprechen, weil ich nicht klug genug bin, öfter mal die Klappe zu halten? Meine verbale Inkontinenz war schon immer ein Problem. Nun ist es die Angst, das gerade Gefundene wieder zu verlieren, die mir hilft, die Zunge im Zaum zu halten. 

Wie gern würde ich sagen „Ich hab Dich vermisst“! Aber ich trau mich nicht. Stattdessen sitze ich neben ihm und versuche den Anschein von Coolness zu erwecken. Was, wenn ihm ein solches Bekenntnis schon wieder zu viel wäre? Zu viel Nähe? Zu viel „Parallelbeziehung“!? Und was ist, wenn es ihm nicht ähnlich geht? Dann habe ich mich lächerlich gemacht UND ihn in die Flucht geschlagen.

So vergeht fast eine ganze Stunde.

Als wir schließlich an der Car-Sharing-Station ein paar Straßen von seiner Wohnung entfernt ankommen, habe ich es immer noch nicht geschafft ihm zu sagen, wie sehr er mir gefehlt hat. Und mit jedem Schritt, den wir uns dem schmiedeeisernen Zaun nähern, rückt die Möglichkeit so etwas auszusprechen weiter in die Ferne. Ich wünschte ich könnte ihm durch die Berührung seiner Hand, die zu nehmen er mir gestattet hat solange wir uns außerhalb der Sichtweite des Hauses befinden, all das vermitteln, was ich nicht artikulieren kann und darf.


Als wir die knarrenden, beinahe goldfarbenen Holzstufen zu seinem Domizil erklimmen, bin ich trotz allem entspannter als sonst. 

Zum Teil dürfte das auf die neuen Regeln zurückzuführen sein, welche aus dem letzten Telefonat entstanden sind. Diese beinhalten unter anderem, dass wir das Spiel nicht mehr direkt mit dem Betreten der Wohnung beginnen, sondern uns zuerst Zeit nehmen etwas zu trinken und miteinander zu reden.

Kaum ist die Tür hinter uns ins Schloss gefallen ist Johannes schon in die Küche verschwunden und beginnt mit Geschirr zu klappern.

So sehr es mich freut, dass meine Krise ihn nicht kalt gelassen hat, er meine Sorgen nicht mit einer lapidaren Handbewegung vom Tisch gewischt hat, so sehr beunruhigt mich jedoch auch sein unterdessen fast schon übereifriges Bestreben, alles „richtig“ zu machen. Gleichzeitig fühle ich mich mies. Das habe ich nicht gewollt!

Der Mann, der meine Welt auf den Kopf gestellt hat, wirkt plötzlich wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln. 

Es tut mir in der Seele weh, wie er in der vom Besuch am vergangenen Wochenende noch mit schmutzigem Geschirr und leeren Bierdosen zugestellten Küche steht und mir voller Stolz die altbackene Teekanne – noch nicht alt genug um schon wieder retromäßig cool zu sein – und die neu erworbene Tee-Auswahl präsentiert. Immerhin eine der vier Sorten trifft grundsätzlich meinen Geschmack – allerdings normalerweise mit Zucker. Nun ja, der gute Wille zählt. Man soll ja alles positiv sehen: So bleibt Raum für Entwicklung.

Meine beiden Quälgeister liefern sich gerade eines ihrer Gefechte. „Du bist ganz schön verwöhnt! Nimm was Du kriegst und sei zufrieden damit!“ schimpft die kleine Sub auf meiner linken Schulter, während mir von der anderen Seite ein verächtliches „Männer!“ aufs Trommelfell gepflanzt wird. Die kleine Spätachtundsechzigerin auf meiner rechten Schulter stemmt die Hände in die Hüften und schüttelt den Kopf. „Ein Gedächtnis wie ein Walfangnetz!“ 

Weil Johannes als arbeitswütiger Pseudo-Junggeselle seine Küche fast ausschließlich als Standort für die schicke Kaffee-Maschine, Vorratslager für volle und Sammelstation für leere Nespresso-Kapseln und zum Aufbacken von Tiefkühl-Pizza nutzt, ist die Ausstattung ziemlich dürftig. Einen Wasserkocher gibt es nicht. Dafür einen alten Elektro-Herd und einen Topf. Ich nutze die aus den mittelalterlichen Zuständen resultierende Wartezeit, um mich an ihn zu schmiegen und mir sowohl die längst überfällige Umarmung als auch einen Kuss zu erschleichen. Als ich ein paar Minuten später mit der dampfenden Tasse in der Hand ins Wohnzimmer gehe, beschließe ich, mich auf die Bedeutung der Geste, statt auf den Geschmack des Getränks zu konzentrieren. 


Ich mache es mir auf der furchtbar unergonomischen Uralt-Couch so bequem wie möglich und harre der Dinge, die da kommen...

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