Senara Akajo Eiskalt

Eiskalt

„Iss uns!“

Sadisten sind sie. Allesamt! Bösartige Verführer.

Wie die schönsten Edelsteine funkelnd liegen sie in dem hübschen Schälchen. Pyrop, Rubin und Hessonit dicht beieinander. Das Licht der Schreibtischlampe bricht sich funkelnd an ihrer Oberfläche. Und erst der Duft! Erdbeere...

Bezaubernd unschuldig. 

Aber sie sind böse.

Sie wollen mich verführen. Und wenn ihnen das gelingt, werde ich nach Ablauf der Woche  zwangsweise mehr Kalorien verbrennen, weil ich nämlich nicht mehr sitzen kann.

„Iss uns!“

Nein! Ich werde widerstehen!

Aber ich muss denken. Und ich muss schreiben. Mein Kopf weigert sich zu tun was er soll. Er will seinen Zucker. 

„Trink mich!“,

schallt es da von der anderen Seite.

Oh nein! Bestimmt nicht. Ganz sicher nicht! 

Auch wenn das Glas nicht von einem muskulösen Sunnyboy mit Dreitagebart serviert wird, sondern einfach nur auf meinem Schreibtisch steht, so ist es doch verführerischer als alles, was mir seit langem vor die Linse gekommen ist. Draußen ist es so verdammt heiß! Und das Glas ist gekühlt. In kleinen Rinnsalen sucht sich das Schwitzwasser an der Außenseite seinen Weg in Richtung Tischplatte. (In Zeiten wie diesen erkennt sogar mein holder Gatte die guten Seiten meiner Serviettensammelleidenschaft.) An den im Glas schwimmenden Eiswürfeln sammeln sich eine Million kleiner Bläschen und zerplatzen in winzigen Explosionen. Und die beiden Hälften der Zitronenscheibe duften so intensiv als wollten sie den süßen Edelsteinen auf der anderen Seite des Laptops Konkurrenz machen.

„Trink mich! Jetzt! Ich bin jeden Schmerz wert!“

Schon nähert sich meine Hand dem Glas mit der eiskalten Cola. Ohhh jaaaa... 

Nein!

Nein, nein, nein und nochmals nein!

Ich zucke zurück und schnappe mir nun doch eins der verführerischen Waldfrucht-Gummifrüchtchen aus dem Schälchen. Die Strafe dafür ist eindeutig das kleinere Übel.

Und zum hunderttausendsten Mal in dieser Woche verfluche ich meinen Herrn.

Also, nicht den alten Knacker mit dem weißen Bart da oben über den Wolken. Der ist das schon lange gewohnt und belächelt mich nur noch. Sollte ich trotz aller verbaler Entgleisungen wider Erwarten doch noch in den Himmel kommen, wird der Alte mir wahrscheinlich einen permanenten Knebel verpassen. (So ähnlich wie in „Wolfsbraut“... Geil!) Wahrscheinlicher ist aber, dass ich in der Hölle lande. Da bekomme ich dann wahrscheinlich meine eigene kleine Mini-Zelle in Form einer Zugtoilette und zu essen gibt es ausschließlich Sellerie, Brokkoli und Rosenkohl. 

Äh... Wo war ich stehen geblieben?

Ach ja – die Strafe. Und mein – zumindest nach außen hin menschlich wirkender – Herr.

Nun, die Sache ist so:

Mein heißgeliebter und hochverehrter Meister ist der Überzeugung, meinem ausufernden Zuckerkonsum dringend Einhalt gebieten zu müssen. 

Nicht, dass ich ihm nicht grundsätzlich Recht geben würde. Aber musste er sich ausgerechnet diese Woche aussuchen??? 

In wenigen Tagen ist Notenschluss. Sämtliche Dozenten zeigen sich total nett und entgegenkommend, indem sie uns gnädigerweise die Möglichkeit geben, unsere Abschlussnoten durch kurzfristige Hausarbeiten und Referate zu verbessern. Streberin, die ich nun mal bin, nehme ich diese Möglichkeit selbstverständlich wahr. Aber solche Kraftakte, die meist das Durcharbeiten mindestens einer Nacht erfordern, kosten eine Menge Energie – welche üblicherweise durch Gummibärchen und Cola wieder zugeführt wird.

Und diese sind mir nun strengstens verboten.

Ich soll ohne meine Nervennahrung Höchstleistungen bringen!

Das ist Sadismus in Reinform!

Weil mein Gebieter mich besser kennt, als mir in diesem Falle lieb ist, vertraut er dieser Tage nicht auf meinen Gehorsam und hat drakonische Strafen angekündigt:

Ein Gummibärchen – ein harter Schlag mit dem Rohrstock. Und damit meint er tatsächlich „hart“! Keinen von der Art, wie man sie durch geschickte Atmung ganz gut in den Griff bekommen und dadurch Lust daraus ziehen kann. Nein. Er meint echte Strafschläge.

Aber die Strafe für die Cola ist noch viel schlimmer: 

Strom an den Brustwarzen.

Als er das ankündigte, blieb mir doch tatsächlich der Mund offen stehen. Die fiesen Kroko-Klemmen mit dem Reizstrom an meinen empfindlichen Nippeln waren der einzige Teil unserer bisherigen Elektro-Spielchen, der mich komplett außer Gefecht gesetzt hatte. Nichts anderes hat mir bisher so weh getan. Nichts anderes hat mir je solche Schreie entlockt. Seitdem kriege ich schon Schnappatmung, wenn ich die nur von weitem sehe.

Und genau das wird meine Strafe sein, falls ich in dieser Woche Cola anrühren sollte.

Ich hege absolut keinen Zweifel daran, dass er seine Drohung in die Tat umsetzen würde. Er war noch nie inkonsequent.

Um es mir nicht zu leicht zu machen hat er angeordnet, dass ich beim Arbeiten immer ein frisches, kaltes Glas Cola und meine geliebten Gummibärchen in Reichweite haben soll. Ab und zu kontrolliert er das auch per Skype oder Threema. 

Wie war das? Sei vorsichtig mit dem, was Du Dir wünschst? Immer habe ich mir einen Herrn gewünscht, für den es ein Bedürfnis, ein Vergnügen, ist, Einfluss auf meinen Alltag zu nehmen...

Ahhh...

Gedankenverloren spüre ich der Flüssigkeit auf meiner Zunge und in meinem Körper nach...

Erst das dumpfe klonk , als das Glas wieder auf dem Tisch landet, weckt mich aus meinen Grübeleien.

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